Professor Rainer K. Schöffel
Professor Rainer K. Schöffel

Entwerfen contra Planen

Eine Bäuerin, die sich nicht den Versprechungen der Modernisierer überlässt, plant. Sie plant ihre Ökonomie und damit ihre Arbeit. Die Grundlage der Planung ist Erfahrung und handwerkliche Fähigkeit, sowie  das Wissen darum. Wenn sie "entwerfen" würde, wozu sie von jeder Art von Experten immer wieder beschworen wird, käme sie vielleicht auf die fixe Idee, die Kartoffeln im Herbst zu pflanzen und den Winterweizen im Frühjahr zu säen. Was bei dieser Art unverständlicher Arbeit herauskäme, ist leicht abzusehen: Nichts! Die Bäuerin würde weder Kartoffeln noch Weizen ernten, wenn sie nach einem "Entwurf" arbeitete. Deshalb machen alle, denen ein gescheiterter Entwurf böse mitspielen würde, Pläne.

 

Und alle Anderen machen Entwürfe, die die Folgen dieser Entwürfe nicht individuell und existenziell auszubaden haben, die gar dafür honoriert und belobigt werden. Ein Plan wird immer aus der Erfahrung, der Kenntnis der Arbeit und des Ertrages formuliert und im Blick auf eine erfahrungs-gemäss begründete Erwartung sorgfältig kalkuliert. Weil der Plan, die überlieferte Handlung in Betracht der verfügbaren - nicht der erträumten - Mittel, vom Ergebnis der Arbeit aus bedacht wird, muss zuerst der Ertrag im Rückgriff auf konkrete Erfahrungen vorhergesagt werden. Tritt der Ertrag wider Erwarten nicht ein, wird statt eines Entwurfes, der Fehler der Vorhersage gepürft. In der Arbeit selbst werden korrigierende und lernende Veränderungen durchgeführt zur Erfahrung. 

 

Anders beim Entwurf. Wie das Beispiel - Kartoffeln und Weizen - drastisch deutlich macht, ist der Entwurf beliebig behauptet. Er folgt einer "fixen Idee" und hat neben der unüberprüfungbaren Verheissung - wie schön, hübsch, toll, mediterran, paradiesisch, usw. alles werde - kein praktisches und erfahrungsgemäss prüfbares Argument zur Hand. 

 

Experte und Experiment sind die zwei Seiten des Entwurfes. Unsere "Dummheit" besteht darin, dass wir das Experiment der Experten mit unserer Erfahrung nicht prüfen können. Wenn das Experiment unsere vorausschauende Kritik bestätigt, ist es nicht nur zu spät. Die Täter haben sich dann schon längst abgesetzt und weisen nicht nur die Schuld ab, sondern sie auch unsere Dummheit zu. Das ist etwa so, wie wenn die Kartoffeln ihre Unfähigkeit, unser Winterklima zu überstehen, als Dummheit auslegen würden. Der Entwurf will auch die letzte "Kartoffel" pädagogisieren.

 

(Hülbusch, K.-H; 1991: Notizbuch der Kasseler Schule. Diverse Ausgaben der AG Freiraum und Vegetation. Kassel.

Illich, I. 1976: Entmündigung durch Experten. Zur Kritik der Dienstleistungsberufe. Rowohlt-Verlag. Reinbek bei Hamburg.

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