Professor Rainer K. Schöffel
Professor Rainer K. Schöffel

Die vier Punkte des architektonischen Entscheidungsprozesses

1. Am Anfang des Prozesses steht nicht eine Bauaufgabe, sondern ein Übelstand. Der erste Schritt der architektonischen Intuition ist es dem Problem einen Namen zu geben, ein Namen, der in den Vorstellungen aller Zuständigen, unerbittlich ein Gebäude erscheinen lässt. Die erste Entwurfsentscheidung besteht also darin, dem komplizierten Übelstand das vermeintlich "Unwesentliche" abzustreifen und ihnen einen Namen zu geben, der zu einer Lösung führt, nämlich einem Gebäude.

2. Ein zweiter Schritt führt zu den ersten Entwurfsvorstellungen oder Skizzen. Hier beobachten wir das folgende Phänomen: die Methode des intuitiven Entwurfes führt dazu, dass der Architekt - und mit ihm der ergriffen zuschauende Bauherr - die erstbeste Lösung für die beste Lösung hält. Es ist ja nicht einfach, selbst bei der sog. Konzentration auf das Wesentliche oder der Konzentration auf das sog. Wesentliche, mehrere Faktoren unter einen Hut zu bringen. Gelingt das aber in einer Skizze, so lösst das im Wollust-Zentrum des Gehirns eine solche Befriedigung aus, dass der Autor und die von ihm überzeugte Umwelt der Meinung sind, es sei die einzige mögliche Lösung gefunden worden. Infolgedessen sind die durch Intuition erreichten architektonischen Entwürfe nicht optimal, sondern suboptimal sind.

3. Ein weiterer Schritt besteht in der Herstellung sog. Pläne. Ganz selbstverständlich verstehen wir unter Plänen grosse Papierstücke, die den künftigen Verlauf von Wänden durch Striche andeuten. Auf diesen Papieren fallen Entscheidungen, und wer dagegen protestiert, dem wird klar gemacht, er verstünde es eben nicht,Pläne zu lesen. Pläne sind also ein schwacher Code; sie sind geeignet als Anweisungen an Maurer und Zimmerleute, nicht aber die Abbilder der zukünftigen Funktionen der Gebäude darzustellen. Die faktische Unbrauchbarkeit so vieler Gebäudeteile, wie sie in jedem neu erstellten öffentlichen oder privaten Bau zu beobachten sind, hängen zusammen mit der Sprachlosigkeit des vermeintlichen Codes des Grundrisses. 

4. Ein Letzteres: Mit zur intuitiven Technik gehört die Fetischisierung des Produktes. Steht der Bau, so wird er vom Architekten fluchtartig verlassen. Er hält ihn für vollendet, ja vollkommen, und das bewirkt, dass Erfahrungen nicht gesammelt werden, dass nicht gelernt wird. Reklamationen des Bauherren werden verärgert entgegen genommen; zur Ausführung von Gewährleistungsarbeiten schickt man einen Angestellten; beobachtet man später eine Umbautätigkeit an dem Bau, so erwägt man Klage wegen Zerstörung geistigen Eigentums. - Eine "wissenschaftliche" Haltung ist dieses nicht; - eine "künstlerische"? ... vielleicht.

(Burckhardt, L., 1987: Die Kinder fressen ihre Revolution.)

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Prof. Rainer K. Schöffel

Erstellt mit 1&1 IONOS MyWebsite Privat.